Mädelsabend! Der Grauen eines jeden Mannes.
Nichts bleibt geheim, jede Kleinigkeit muss erzählt werden. Umso länger der Abend, desto mehr Tatsachen werden auf den Tisch gelegt. Und so ein Abend kann bekanntlich verdammt lang sein!

Während ich gerade aus dem Zeitschriftengeschäft laufe, indem ich mittlerweile so bekannt bin, dass meine Zigaretten bereits auf dem Tresen liegen wenn ich den Laden betrete, frage ich mich, ob alles in meinem Leben durch Gewohnheit bestimmt ist, oder ob es einfach die Angst vor etwas Neuem ist. Die andere Frage, die sich mir daraufhin stellt: Muss es immer etwas Neues sein?

„Willst du jetzt den Kiosk wechseln? Oder noch besser, jeden Tag woanders deine Zigaretten kaufen, nur damit du nicht mehr erkannst wirst?“ Line zündet sich eine Zigarette an während Zoe zur Tür läuft um Jacky zu öffnen. Ich antworte Line: „Quatsch, das hat nichts mit dem Laden zu tun oder dass ich wiedererkannt wurde. Ich frage mich nur, ob es nicht gewisse Sachen gibt, bei denen man vielleicht überdenken sollte, ob etwas Neues nicht besser ist.“ Nachdem wir Jacky begrüßt haben ergreift Line das Wort: „Mädels, ich muss euch was erzählen. Ich bin wieder mit Joe zusammen.“ Wie auf Kommando greifen wir zu unseren Zigaretten. „Seit wann?“, fragt Zoe. „Seit einer Woche ist es offiziell.“ „Genau das meinte ich, mit gewisse Dinge überdenken“, sage ich und zünde mir meine Zigarette an. „Was willst du mir damit sagen, Steffi? Das es scheiße ist, dass ich wieder glücklich bin?“ „Nein, Süße, ganz im Gegenteil, ich freue mich für dich, aber ist es nicht langsam eindeutig, dass es einfach nicht funktioniert?“ „Ich bin der Meinung, wir haben uns geändert. Alle beide!“, entgegnet Line. „Ich glaube, Steffi wollte dich damit nicht angreifen. Wir haben jedoch alle oft genug mit angehört, was alles bei euch schief gelaufen ist und wir standen jedes Mal hinter dir. Und du weißt, wir hören es uns auch noch zehn Mal an, aber ich gebe Steffi Recht, vielleicht sollte man wirklich einiges überdenken und abwägen, ob man nicht neues wagt.“ Zoe nickt zustimmend: „Ich bin der gleichen Meinung wie Jacky und Steffi.“ „Habt ihr euch jetzt gegen mich verbündet?“, fragt Line verärgert. „Nein“, antwortet Zoe, „aber haben wir nicht alle eine Leiche im Keller, die wir in regelmäßigen Abständen versuchen zum Leben zu erwecken um sie anschließend wiede in den Keller zu werfen? Bei dir ist es Joe, bei mir ist es Patrick.“ „Benjamin“, sagt Jacky und ich nicke: „Kevin!“ „Und was haben alle gemeinsam?“ „Sie zerbrechen unseren Kopf und hin und wieder auch unser Herz. Immer und immer wieder!“, sage ich während ich über „meinen Eishockeyspieler“ aus vergangenen Zeiten nachdenke. „Aber hin und wieder kann es auch etwas gutes bringen“, sagt Line. „Und was?“, fragt Jacky. „Schöne und wundervolle Zeiten!“ „Das kann nur von jemandem kommen, der gerade verliebt ist“, entgegnet Zoe, „Oder was haben eure >>Leichen<< euch gebracht, Mädels?“ „Alle zwei Jahre ein paar berauschende Nächte“, antwortet Jacky als erste, „Danach war ich wie zuvor niemand den man kennt geschweige denn grüßt.“

Benjamin, 30, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Jacky und er kennen sich von einer Party vor ungefähr sieben Jahren. Da war er noch nicht verheiratet, jedoch mit seiner jetzigen Frau bereits zusammen, was er jedoch verschwieg. Was Jacky damals ebenfalls nicht wusste: Seine Frau war bereits schwanger. Benjamin und Jacky hatten einen heißen Flirt und einige wilde Nächte. Nach ungefähr zwei Wochen fing Jacky an, sich in Benjamin zu vergucken und schwärmte, ganz untypisch für sie, in den höchsten Tönen von ihm. Als sie ihm ihre Gefühle beichtete, offenbarte er ihr, dass er Vater werden würde und verlobt sei. Für Jacky zerbrach eine Welt. Doch jedes Mal, wenn er sich erneut meldet, was ungefähr alle zwei Jahre geschieht, lässt sie sich wieder auf ihn ein.

Meine >>Leiche<< lässt meine Jugend wieder aufblühen. Leider inklusive der Naivität, die ich nur in zu großem Stil gelebt hatte. Zurück bleibt jedes Mal ein bitterer Nachgeschmack und die Erkenntnis, dass die Realität keine rosa Zuckerwatte ist“, sage ich nachdenklich.

Kevin, 27, kenne ich schon seit über zehn Jahren. In meiner Jugend verliebt in ihn, war ich auf jedem Eishockey-Spiel von ihm, war bei den Trainings dabei und hatte auch sonst viel Kontankt zu ihm. Ich kassierte in dieser Zeit zwei Abfuhren, trotz Hoffnungen, die mir vorher gemacht wurden. Auf Grund des gleichen Freundeskreises sah ich ihn jedoch immer wieder und das Verhältnis wurde nicht viel besser. Jedoch gab es auch die Momente, in denen er lieb und verständnisvoll war. Es waren die Momente, in denen man erkennen konnte, dass er kein Vollzeit-Arschloch ist. Umso älter wir wurden, umso sporadischer wurde der Kontakt und oft dachte ich Jahre nicht mehr an ihn – bis ich ihn wieder irgendwo sah oder eine Nachricht erhielt. Was früher Schwärmerei war, ist heute der Reiz dieses unantastbaren Mannes. Selbstverständlich höre ich nur noch etwas von ihm, wenn er gerade single ist, wobei außer Abfuhren bisher noch immer nichts geschah. Dass ich springe hat sich jedoch nicht geändert.

„Patrick gibt mir das Gefühl, die schönste und atemberaubenste Frau auf der Welt zu sein“, sagt Zoe nachdenklich, „Leider nur solange bis eine neue Frau in sein Leben tritt. Zurück bleiben mein gebrochenes Herz und zerstörtes Ego.“

Patrick, 26, lernte Zoe bereits in ihrer Schulzeit kennen. Er war der Mädchenschwarm der Klasse und Zoe war unsterblich verliebt. Als er ihr gegenüber Interesse äußerte war sie vermutlich das glücklichste Mädchen auf Erden. Wie konnte sie nur so einen bezaubernden Jungen verdienen? Die Antwort war: Gar nicht! Er brauchte lediglich eine, die ihm die Zeit versüßt, bis er eine neue Freundin hatte. Mit einfühlsamen Komplimenten und liebenswerten Gesten erweicht er in regelmäßigen Abständen, nämlich immer dann, wenn er alleine ist, ihr Herz um sie anschließend wieder abzuservieren wenn die Zeit gekommen ist.

Jacky, Zoe und ich schauen erwartungsvoll Line an. „Was wollt ihr hören? Ich sehe Joe nicht als wiederbelebte Leiche an. Er ist mein Freund, den ich liebe und mit dem sehr glücklich bin.“ „Das wissen wir, Süße“, sagt Zoe und schenkt ihr ein Lächeln, „Und wir wünschen dir, dass wir diese Unterhaltung über ihn nicht führen müssen. Vielleicht überrascht ihr beide uns ja.“ „Definitiv!“, sagt Line trotzig. „Aber Mädels, wir sollten uns echt überlegen, ob wir nicht was ändern wollen“, sagt Jacky in die Runde. „Auf jeden Fall!“, stimme ich Jacky zu, „Die aufgewärmte Scheiße schmeckt mir langsam nicht mehr.“ „Wobei es auch Dinge gibt, die aufgewärmt besser schmecken“, sagt Line und zwinkert mir zu.

Nur weil „Maccaroni und Cheese“ aufgewärmt besser schmecken, müssen wir nicht von der gleichen Portion Jahre essen. Hin und wieder muss man Altes zurücklassen – oder hebst du alles auf?

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