Mädelsabend! Der Grauen eines jeden Mannes.
Nichts bleibt geheim, jede Kleinigkeit muss erzählt werden. Umso länger der Abend, desto mehr Tatsachen werden auf den Tisch gelegt. Und so ein Abend kann bekanntlich verdammt lang sein!

Shades of Grey löste 2012 nicht nur einen riesen Hype um erotische Skandal-Bücher aus, sondern auch um Fetische im Schlafzimmer. Und plötzlich scheint es, als wenn alle Frauen über ihre sexuellen Vorlieben berichten und bereit sind, jede Nacht etwas neues auszuprobieren. Wo noch hinter hervorgehaltener Hand über die letzte Stellung, die doch ach so berauschend war, gesprochen wurde, so läuft man heute zielstrebig in die Erotik-Abteilung der Buchhandlung, den Sexstore an der nächsten Ecke sowie die einmal im Jahr stattfindende Erotikmesse in der Stadt. Und auch ich war da, wie jedes Jahr, um festzustellen: Es ist nicht mehr wie jedes Jahr!

„Mädels, was passiert um himmelswillen mit dem deutschen Sexleben?“, frage ich beim Cocktailabend in die Runde. „Ach, stimmt, du warst ja letzte Woche auf der Messe. Erzähl‘, was gibt es neues auf dem Markt der Erotikbranche“, erwidert Jacky interessiert. Auch Zoe und Line nicken interessiert. „Schockierendes!“, entgegne ich kopfschüttelnd, „Ist euch mal aufgefallen, dass einfach alles und jeder auf den Zug von ‚Shades of Grey‘ aufspringt? Und ich meine wirklich alles und jeder!“ „Aber das Buch war doch absolut berauschend. Was hast du dagegen?“, fragt mich Zoe ungläubig. „Wieso dachte ich mir schon, dass du das fragst?“, schmunzelte Jacky. „Zoe, ich habe überhaupt nichts gegen das Buch. Es ist ein netter Roman für zwischen durch und ich will jetzt eigentlich auch gar keine Buchkritik abgeben. Das ist, denke ich, doch jedem das seine was er liest oder eben nicht. Aber keiner kann mir sagen, dass plötzlich über Nacht halb Deutschland darauf steht sich zu klassischer Musik den Hintern versohlen zu lassen. Und nein, ich habe auch dagegen nichts. Es ist für mich nur völlig überraschend, wie präsent das Thema ‚SM‘ auf einmal ist. Bin ich wirklich die Einzige, der das auffällt?“ „Nein, ganz im Gegenteil“, antwortet Jacky, „Abgesehen von den Buchhandlungen, in denen du kein Erotikbuch ohne Peitsche und Wäscheklammern kaufen kannst, ist es mir auch in anderen Bereichen aufgefallen, die sich mit Erotik und Sex befassen. Aber stört es dich? Insgeheim freue ich mich, dass die deutschen Frauen mal wieder etwas offener werden.“ „Und wie lange hält das?“, fragt Line skeptisch. „Was? Der Hype oder die Offenheit?“, fragt Zoe. „Beides“, antwortet Line, „Es ist doch mit allem so. Die Offenheit für ein Thema bleibt nur solange der Hype besteht. Die Triologie von ‚Shades of Grey‘ ist erstmal rum, dafür schießen tausend neue Bücher auf den Markt. Nebenbei plant man eine Verfilmung, die meiner Meinung nach einem Soft-Porno ähneln muss und was passiert danach? Dann erscheint ein neuer Hype und die Peitschen und Gerten bleiben hinter verschlossenen Schlafzimmertüren und keiner spricht mehr darüber. Dann haben wir den Hype überwunden und reden über den nächsten, der uns erwartet. Was bleibt aber übrig?“ „Die Frage, die sich mir stellt, ist nicht mal unbedingt, was davon übrig bleibt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass durch den Trend die ‚SM‘-Szene einige Anhänger dazugewonnen hat. Vielmehr frage ich mich, was das im Moment mit uns macht“, sage ich, während ich die Kellnerin herbei winke um eine neue Runde zu bestellen. Line runzelt die Stirn und fragt in die Runde: „Was soll das mit uns machen? Im besten Fall ein erfülltes Sexleben oder was meinst du, Steffi?“

„Naja, auf der Messe wurde ziemlich schnell deutlich, dass es nicht um eine reine Vorliebe geht, die man hin und wieder gerne mal auslebt, sondern um einen Fetisch im professionellen Sinne. Mir ist klar, dass das uns weniger berührt. Denkt man aber darüber nach, dass Shows mit Fesselkünsten gezeigt werden, in denen Schritt für Schritt erklärt wird, wie man eine Frau regungslos macht, so wird mir doch leicht schwindelig, dass auch ich mir vielleicht so einen Mann Mal anlachen könnte. Ebenso die Ausstellung von Peitschen etc. Wer einen einfachen Vibrator kaufen wollte, hatte diesmal echt schlechte Karten. Stattdessen gab es Lack und Leder im Überfluss, ebenso wie Fetisch-Artikel, wie beispielsweise perfekte Nachbildungen von Füßen aus Silikon. Wir wissen vielleicht, wie wir diesen Trend für uns nutzen oder einschätzen sollen. Aber ist es nicht genauso, wie mit dem extremen Porno-Hype? Männer können stundenlang eine Frau, mit extrem großen Brüsten, in jegliche Körperöffnung vögeln und somit bis zu hundert Orgasmen bescheren. Wir wissen selbst, was uns das gebracht hat.“

„Ja, sehr viel Gesprächsstoff!“, sagt Zoe und Line versucht krampfhaft ihr Getränk nicht auszuspucken, während Jacky und ich ebenfalls anfangen laut zu lachen. „Eben“, stimme ich Zoe zu, „ich denke aber nur an die Zeit, in der wir uns über jeden Klaps auf den Arsch gefreut haben. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir keine blauen Flecke davontragen, nur weil ‚Mr. Grey‘ darauf steht, seine Alte zu versohlen.“ „Oh, verdammt, das habe ich noch gar nicht in Erwägung gezogen“, gibt Line preis.

„Aber jetzt mal eine andere Frage: Was ist mit den Füßen? Wer hat den Männern verraten, dass wir Frauen Füße haben? Bisher war ich ziemlich froh, dass sie die einfach ignoriert haben und jetzt?“, fragt Jacky in die Runde. „Ja, was ist jetzt?“, frage ich neugierig und beobachte die anderen Mädels. „Mein letzter Typ fand es unglaublich toll, während er mit mir schlief, an meinen Zehen zu lutschen“, sagt Jacky und schüttelt den Kopf. „Ja, und der Typ, den ich bei der letzten Party kennengelernt hatte, wollte mir unbedingt auf meine Füße spritzen um sie anschließend zu fotografieren“, sagt Zoe. „Schade“, entgegnete ich, „dabei war der echt süß!“ „Verdammt, ich weiß“, lacht Zoe, „aber im Ernst, was ist da los?“ Line meldet sich zu Wort: „Vermutlich fand es eine Frau absolut überragend, was der Typ mit ihren Füßen machte, und der Typ erzählte es seinen Freunden und jetzt denken die Männer, alle Frauen finden das überragend. Wir müssen das nun berichtigen, sonst geht das noch die nächsten Jahre so.“

Nicht jeder Trend ist mit jeder Frau betttauglich, während gegen Experimente nichts einzuwenden ist. Jedoch ist Vorsicht geboten: Wenn wir Überraschungen wollen, kaufen wir uns ein Überraschungs-Ei und keinen Mann. Man kann sehr wohl seine Wünsche äußern, bevor man sie in die Tat umsetzt.

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